Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS)
- felixmichalke

- vor 4 Stunden
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Liebe Patientinnen und Patienten,
Rückenschmerzen im unteren Rücken sind leider sehr häufig - mehr als jeder zweite Erwachsene berichtet, dass er im vergangenen Jahr unter Rückenschmerzen gelitten hat. Bei der Fülle an Informationen von Bekannten, Internet-Recherchen, Fitness-Influencern auf Youtube, Ärzten, Physiotherapeuten und Orthopäden kommt es schnell zu Widersprüchen und Unsicherheiten – das ist völlig verständlich und vielen Patienten geht es so. Das liegt auch daran, dass dem Schmerz im unteren Rücken vielfältige Ursachen zugrunde liegen können und die Behandlung, die bei einem Patienten zu rascher Besserung führt, bei einem anderen den Schmerz langfristig eher verstärkt. Videos nach dem Motto „Mit diesem Trick lösen Sie Ihr Rückenproblem in Sekunden“ funktionieren bei den meisten Menschen nicht. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung, soll Ihnen aber helfen, häufige Zusammenhänge besser zu verstehen. Für die meisten sogenannten unspezifischen Rückenschmerzen gelten einige grundlegende Prinzipien:
1. Rückenschmerzen sind sehr häufig – und meist harmlos
Beschwerden im unteren Rücken (Lendenwirbelsäule, kurz LWS) gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen überhaupt. Die meisten Menschen erleben im Laufe ihres Lebens mehrere Episoden von Rückenschmerzen.
Wichtig:In den allermeisten Fällen steckt keine gefährliche Erkrankung dahinter und eine dauerhafte Beeinträchtigung (Lähmungen, Abhängigkeit vom Rollstuhl im Alter) ist extrem selten.
2. Typischer Verlauf: in Phasen, nicht dauerhaft
Rückenschmerzen verlaufen selten gleichbleibend stark. Typisch sind wiederkehrende Phasen mit mehr oder weniger Beschwerden.
Diese können ausgelöst werden durch:
körperliche Belastung (z. B. Gartenarbeit, schweres Heben, langes Sitzen, häufiges Bücken)
ungewohnte Bewegungen
Stress (führt zu erhöhter Muskelspannung im Rücken)
3. Was hilft bei akuten Beschwerden?
Bei einem „Rückenschmerz-Schub“ können folgende Maßnahmen hilfreich sein:
Wärme und kurzfristig entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen nach ärztlicher Rücksprache
Sanfte Bewegung
optimal Spaziergänge mit locker mitschwingenden Armen
vorsichtige Mobilisation (zB Cat-Cow-Bewegung mit geringem Bewegungsumfang im Vierfüßlerstand)
Vermeidung zu langer Bettruhe
Im Liegen fehlt der Druck der Schwerkraft, sodass Bandscheiben etwas mehr Flüssigkeit aufnehmen können. Dadurch kann sich der Druck auf gereizte Strukturen vorübergehend verändern.
Bewegung ist meist besser als Schonung
4. Langfristig entscheidend: Bewegung und Stabilität als Behandlungsziele
Um Rückenschmerzen langfristig zu reduzieren, ist ein gezieltes Training wichtig. Dieses zielt darauf ab, die Belastung der Bandscheiben und Facettengelenke zu reduzieren. Dabei gelten zwei Grundsätze
Rumpfstabilität verbessern
Stellen Sie sich die Wirbelsäule wie eine Zeltstange vor. Erst durch die Abspannleinen wird sie wirklich stabil. Im Fall der Wirbelsäule sind die Zeltleinen die Bauchmuskeln, seitlichen Bauchmuskeln und Rückenmuskeln, die im Alltag lange Haltearbeit verrichten müssen (d.h. Anspannung ohne Bewegung). Übungen, die die Muskeln für diese Aufgaben trainieren sind z.B. Planks, Bird-Dog, Mini-Curl-Ups und Dead-Bugs (Anleitungen für diese Übungen finden sich im Internet, einfach googlen). Wichtig ist eine vorsichtige Dosierung mit langsamer Belastungssteigerung über Wochen und Monate und bei Unsicherheiten die Anleitung durch einen erfahrenen Physiotherapeuten. Allen Übungen ist gemeinsam, dass sich die Wirbelsäule relativ wenig bewegt (keine extreme Beugung/Überstreckung). Extreme Bewegungen unter Last sollten vorerst vorsichtig eingesetzt oder angepasst werden (lieber keine Russian Twists, Situps, Jefferson Curls,...).
Beweglichkeit von Hüfte und Brustwirbelsäule verbessern (nicht von der Lendenwirbelsäule)
Die Lendenwirbelsäule ist anatomisch für Beugung nach vorne und Streckung nach hinten gebaut - nicht für die Rotation! Die gesamte Lendenwirbelsäule kann nur maximal 10-15 Grad nach rechts oder links drehen (das entspricht 2-3 Minuten auf einer Uhr!). Rotation findet daher beim Gesunden Rücken eine Etage darüber (in der Brustwirbelsäule ist eine Rotation von ca 45° nach rechts und links möglich) und darunter (in den Hüften) statt. Wenn die Hüfte unbeweglich und Brustwirbelsäule steif sind, dann führt dies unweigerlich dazu, dass die Lendenwirbelsäule kompensieren muss und überlastet wird.
5. Die richtige Balance aus Ruhe und Belastung
Rückenschmerzen kann man sich oft wie kleine Überlastungs- oder Mikroverletzungen vorstellen. Die gute Nachricht: Der Körper kann solche Veränderungen wieder heilen und sogar Bandscheibenvorfälle mit der Zeit teilweise abbauen. Das erklärt auch gut, warum Patienten mit Bandscheibenvorfall nach Operation zwar anfangs schneller weniger Schmerzen haben aber nach 12 Monaten die Ergebnisse ähnlich sind (mit und ohne Operation) - der Körper hat dann diese Aufgabe selbst übernommen.
Diese Heilung braucht aber Zeit und die richtige Balance aus Ruhe und Belastung (zu viel Ruhe: Muskulatur baut ab, Instabilität nimmt zu. Aber: zu viel Belastung - Reizung überschreitet Toleranz, Heilung verlangsamt sich).
Der Rücken braucht die richtige Dosis - nicht zu viel und nicht zu wenig
6. Aktiv mitarbeiten: Schmerztagebuch
Ein einfaches, aber sehr wirksames Hilfsmittel um die richtige Balance zu finden ist ein Schmerztagebuch.
So geht’s:
täglich (ggf mehrmals) Schmerzstärke auf einem Zettel oder im Handy notieren (z. B. Skala 0–10)
überlegen:
Was habe ich vorher/am Tag zuvor gemacht?
Was hat eher geholfen?
Was hat eher verschlechtert?
Ziel: Zusammenhänge erkennen und Verhalten anpassen (z. B. anders heben, weniger lange sitzen, andere Schuhe probieren, Schlafposition oder Matratze wechseln, Übungen anpassen: bei Verschlechterung nach der Übung entweder Intensität reduzieren, Ausführung von Physiotherapeut nochmal korrigieren lassen oder andere Übung wählen,...). Häufig sind es diese Kleinigkeiten, die den Unterschied machen - und nur Sie selbst können die Zusammenhänge am besten erkennen.
7. Nachhaltige Verbesserung statt kurzfristiger Lösungen
Passive Maßnahmen wie Massagen, „Einrenken“, Spritzen oder Operationen können kurzfristig Beschwerden lindern, sind aber bei unspezifischen Rückenschmerzen selten eine dauerhafte Lösung, wenn die zugrunde liegenden Belastungsfaktoren bestehen bleiben. Langfristiger Erfolg entsteht durch: angepasste Bewegung, bessere Belastungssteuerung, Training der Muskulatur, Veränderung von Gewohnheiten
8. Ein beruhigender Ausblick
Viele Menschen machen sich Sorgen, dass Rückenschmerzen „immer schlimmer werden“.
Tatsächlich zeigt sich häufig das Gegenteil: Mit zunehmendem Alter wird die Wirbelsäule zwar etwas steifer. Gleichzeitig nehmen Schmerzen oft ab.
Rückenschmerzen sind z. B. bei Menschen über 70 statistisch seltener als bei Personen mittleren Alters.
Fazit
Rückenschmerzen sind häufig, meist gutartig und gut beeinflussbar. Mit dem richtigen Umgang, etwas Geduld und aktiver Mitarbeit lassen sich Beschwerden in den meisten Fällen deutlich verbessern.




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